So ver-rückt ist die neue Welt

Leif Trenklers “Stereoblick” im Wolfenbütteler Kunstverein

Von Aneka Schult

WOLFENBÜTTEL. Nicht lang ist´s her, da sah man die neuen Figurativen in der Münchner Schau “Zurück zur Figur”. Vorne weg Überflieger Neo Rauch. “Leipziger Schule” heißt das Gütesiegel. Dabei blühen die neuen Realisten auch woanders.

Siehe Leif Trenkler. Er gilt als einer der ersten figurativen Maler in Deutschland jüngster Prägung. Der Kölner Maler, Jahrgang 1960, lernte aber nicht in Leipzig, sondern studierte in Frankfurt und Düsseldorf.

Aktuell stellt Trenkler im Wolfenbütteler Kunstverein aus. Die Mitglieder suchten den Künstlerkontakt, fasziniert von den “ver-rückten” Bild- und Wahrnehmungsräumen.

“Stereoblick” lautet der Titel, der dem Betrachter etwas auf die Sprünge hilft. Die Doppelbödigkeit des Sehens lotet der Künstler in seinen vorwiegend neuen Arbeiten in Öl auf Holz und wenigen Aquarellen aus. Auf den ersten Blick illustrieren die Gemälde, denen, kompositorisch nachvollziehbar, Fotografien zugrunde liegen, scheinbar die allgemein zugängliche Wirklichkeit. Menschen der Straße oder in der Natur verhalten sich. Spielen, schreiten, schauen. Ihnen gemein ist eine still gestellte Isolation. Kommunikation untereinander findet kaum statt.

Dennoch durchzieht die Werke Trenklers ein merkwürdiges Flirren. Eine zentrale Rolle spielt das Licht. Blendendes Gegenlicht, ein künstlicher Lichtfilm erzeugt artifizielle Szenerien ganz eigener Realität. Diffuses Licht unterkühlt die Präsenz der Figuren. Pastos, ohne auffallenden Pineselduktus, entlarvt der Künstler eine Alltagswirklichkeit, die in ihrer Distanziertheit zum Teil bedrohlich wirkt. Anschnitte und Rückenansichten, verzerrte Perspektiven, die Selbstbehauptung der Farbe, ornamentale Anleihen bei Matisse und gesichtslose Erstarrung konterkarieren die vorgeführte Intimität. Ergebnis: Dekonstruktion, Fiktion, Desintegration und Irritation.

Es ist der Reiz der Undefinierbarkeit von Überlagerungen, der Gleichzeitig von dekontextualisierten Bildelementen, neuen Zuordnungen und Flüchtigkeiten. “…in der zeitschleudermaschine”, so ein Werk, wirkt wie die Folie, ein Abzug des Lebens. So als hätte das Foto den Glanz der Oberfläche eingebüßt zugunsten einer ewigen Formulierung von Sein.

Trenkler ist ein Erforscher des Bildes. Was bedeutet “Sehen”? Schauen wir in das Bild hinein oder hinaus? Die überdimensionierte Brille Trenklers: Seh-Sucht?

Dauer: bis 19. November, dienstags bis freitags 16 bis 18 Uhr, am Wochenende 11 bis 13 Uhr.

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