Massenmörder Haarmann im Ein-Personen-Stück in Kunsthalle Jutz

WESTERCELLE. “Ich hab doch solche Schmerzen. Kopfschmerzen. Ich muss mal wieder ´n Jungen haben”. Der Satz wirkt alles andere als antiquiert. Bewältigt. Was man früher verschwieg, zählt heute zu den Hot News der Medienwelt.

Fritz Haarmann, der Massenmörder aus Hannover, der seine Opfer zerstückelte, aß oder in die Leine warf, ist nicht tot. Er lebt weiter unter uns.

Am Freitag wurde das Schauspiel “Das waren doch nur Pupenjungs” von und mit Georg Menro in der Kunsthalle Jutz aufgeführt und ging gewaltig unter die Haut. Nicht, weil Menro in der atemberaubenden Rolle als Haarmann den Mörder anklagt, sondern in fiktiven Selbstgesprächen, mit Originalmaterial, das psychische Konstrukt Fritze entlarvt. In starken, dichten, ergreifenden Monologen exhibitioniert sich eine Psyche, die Mitleid erweckt. So grauenvoll die Taten sind, die Menro mit wenigen Requisiten schildert, dass einem das Blut gefriert, sie rühren uns an. Überzeugt, ein herzensguter Mann zu sein, der Jungen von der Straße zu sich nahm, weil sie es wollten, der gern küsste und “polierte”, aber nie gegen den Paragraphen 175 verstieß, weiß um seine zwei Seelen, aber auch um die Doppelmoral der Welt. Hohe Herren hätten ihn um Jungs gebeten, noble Offiziere brachten Abertausenden den Tod. Haarmann aber, der seine Mutter liebt und die Jungs oft wegschickte, bevor er wieder “seine Tour” bekam, will den Prozess. “Köppen soll´n se mich. Dann is Ruh.”

Ein wirklich sehenswertes Stück. Die karge Kulisse, Fritzens geliebte Gefängniszelle, spielt mit der intimen Nähe zum Publikum. Unbehagen macht sich breit. Bedrohliches Ausgeliefertsein. Voyeuristisch verfolgt man den teils in Ketten gelegten, sein Ich reflektierenden Kranken. Er schreit, weint, wird beobachtet wie durchs Schlüsselloch.

Bemerkenswert, wie Menro die Gefühle seiner Beobachter durcheinander bringt. Von der anfangs mit ins Stück geschleiften Vorverurteilung über Mitleid, Ekel, Abscheu, selten Hass, melden sich Gedanken an, die vielschichtig und aufwühlend sind. Als gut bezeichnet sich Haarmann und spricht nebenbei von den Schädeln in der Leine. Auf Kirchenlieder und Gebet folgt, als dramaturgische Steigerung, wiedererinnertes Leichensezieren, schaurig nachgestellt. Authentisch, ausdrucksstark und sprachecht hat Menro Haarmanns Dämonen belebt. Hut ab vor der unaufdringlich eindringlichen Schauspielkunst. Gastspiele unter (0171) 85 40 567.

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