HERMANNSBURG. Bei genauem Hinsehen sind die Linoldrucke, Tuschzeichnungen und Décollagen wie die Arbeiten von Wilhem ter Hells sehr ästhetische Ausdrucksformen der Kunst. In ihnen offenbart sich die Wertschätzung der Linie, eine vom Künstler getroffene Entscheidung für Schwarz oder Weiß. Wobei das in dieser Abgrenzung nicht ganz richtig ist, sind doch die Übergänge von der Summe der Farben (Weiß) zum Farbasketen (Schwarz) fließend. Grauschattierungen schlagen die Brücke vom Dunkel zum Hell.

Dieser Umgang mit der bewussten Material- und Formsetzung macht den Reiz der Druckgrafiken aus. Nicht umsonst hatten sich die Künstler des Expressionismus bevorzugt dieses Ausdrucksmittels bedient. Handwerk und Formalästhetik werden vielleicht nirgends sonst in solch klaren Aussagen akzentuiert.

Der aus Ostfriesland stammende ter Hell, ehemaliger Kunsterzieher aus Hermannsburg, der zudem ein Kunst-Zusatzstudium an der Werkkunstschule in Hannover bei Hinnerk Schrader absolvierte, sieht die grafische Arbeit als “Experimentierfeld ohne gleichen” an.

Zum Teil angeregt von Arbeiten eines Heckel oder Beckmann erobert er sich durch präzises gestalterisches Arbeiten den bildnerischen Raum, wobei seine stärksten Grafiken die sind, in denen er losgelöst von vorgefassten Raumvorstellungen der Eigendynamik der Struktur zur Fixierung verhilft.

So beginnen im Linoldruck “Windwurf im Mühlenbruch” durch die Rhythmisierung der Äste die Linien ein sinnliches Lied anzustimmen, das gar keiner Farbe bedarf, um etwas im Betrachter zu bewegen. Ebenso in der fast holzschnittartigen Grafik “Kleiner Fjordhafen”, in der horizontale weiße Linien mit geschwungenem Schwarz um den Halt im Bild konkurrieren und sich gelungen die harmonische Waage halten. Ganz offenbar um Bewegung, vor allem der des Betrachters, geht es ter Hell in der Werkauswahl der Tuschzeichnungen. Diese “irritierenden Scheinbewegungen” seien, im Gegensatz zu den Linolschnitten, deren inspirative Quellen in der heimischen Umgebung lägen, aus der Beschäftigung mit Arbeiten von Uecker, Mack und Piene, besonders auch des Südamerikaners de Soto hervorgegangen.

Ein “bisschen Augenpfeffer” nennt sie ter Hell, den das Zusammenspiel von Licht und Kinetik interessiert. Dagegen entstünden die ebenfalls reizvollen Décollagen durch fortwährendes Experimentieren, Destruieren von Reklamefotos und sonstigem Material. Nicht zuletzt hatte hier als legitimer Co-Schöpfer der Zufall die Hand im Spiel.

Öffnungszeiten: Die Ausstellung im “La Taverna”, Lotharstraße 27, Hermannsburg, ist zu sehen bis zum 16. Dezember montags bis sonnabends ab 17 Uhr, sonntags ab 12 Uhr. Infos unter s (05052) 28 39.

erschienen in der Celleschen Zeitung am 02.11.2005

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