Wundermix aus Film und Traum

Von Aneka Schult-Fietz

 

KROATIEN/BIOGRAD.

Was ist ein Traum? Ohne in die Freud‘sche Tiefenpsychologie einzusteigen sicher eines: unfassbar, nicht haltbar, flüchtig. Ein Reigen aus Momenten, jenseits unseres Zugriffvermögens. Bilder im Fluss. Ähnlich wie im Film. Und da sind wir auch schon beim Thema, der Symbiose von Film und Traum.

Der Mensch möchte Dinge fassen, greifbar machen, teilhaben an Szenen, die ihn bewegen. Dieses Prinzip hat sich Ulrich Wirsing, kurz Ulli auf die Fahne geschrieben. Nach dem Motto „Dreams come true“ lädt er seit 2012 eine ganz besondere Spezies Träumer in die wilden Weiten Kroatiens ein, um mit ihnen jene Filmshots/Szenen live zu erleben, die einst – zwischen 1962 und 1968 – über die deutschen Kinoleinwände flimmerten. Ohne zu übertreiben macht er Unmögliches möglich, Träume wahr.

Der Auftakt der sogenannten „Goldenen Jubiläumsfeste“, der 2012 zum 50jährigen „Geburtstag“ des ersten Karl May-Filmes „Der Schatz im Silbersee“ (1962) stattfand, bot ein besonderes Highlight, hatte man doch Pierre Brice, den Original Winnetou-Darsteller, mit an Bord des Traumschiffes von „Ullitours“, was für die meisten wohl die utopischste Realisierung ihrer Träume und für alle einunvergesslicher Augenblick war.

In den darauffolgenden sechs Jahren ließ Ulli, kreativer Kopf und Häuptling der Fan-Reisen, keine noch so große Herausforderung unversucht. „Hat er eine Idee und gelte es Bergmassive zu versetzen, dann müssen wir alles tun, damit es glückt“, sagt Marc Schiewe, zuständig für die Sicherheit vor Ort. Dass Ulli Baumstämme hinauf zu den Gipfeln des Tulove Grede trägt, kroatische Flüsse – Filmszenen gleich ökologisch in Flammen aufgehen lässt oder Grizzlybären aus Deutschland einfahren lässt,257 um eine einzige Winnetou-Szene nachzustellen, ist nicht nur verrückt, es ist eine Hommage an eine ganze Generation von Jugendträumen. Dass es zugleich auch das Erbe der Darsteller, wie jenes des 2015 verstorbenen Pierre Brice, am Leben erhält, freut besonders dessen Witwe Hella Brice, die sich seit 2017 bereit erklärt hat, die Schirmherrschaft der Feste zu übernehmen.

„Für mich ist es eine Herzenssache“, versichert sie. „Ich fühle mich in dieser Gruppe Gleichgesinnter wie in einer Familie. Ich erzähle ihnen Geschichten von Pierre und erfreue sie mit Andenken wie jüngst in Kroatien auf einer internen kleinen Auktion, geleitet von Auktionator Michael Lehrberger. Sie wiederum geben mir viel zurück.“ So war die Schirmherrin 2018 zum zweiten Mal mit von der Partie, als sich 87 Fans in neue Karl-May-Abenteuer stürzten. Das Indianerdorf liegt mittlerweile in Biograd. „Seit diesem Jahr sind alle Kontinente vertreten“, freut sich Ulli. „Mit Recht können wir nun von einem weltweiten Fantreffen reden. Unsere kleine Welt erstreckt sich vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Doktor. Das ist das Schöne.“ Am weitesten reiste dieses Mal die auf den Philippinen geborene, in Australien lebende Herminia an.

Besonders emotional wird es immer am 6. Juni, dem Todestag von Pierre Brice. An diesem Tag scheut Ulli samt Team keine Mühen, dem Helden der Kindheitstage ein würdiges Gedenkfest zu bescheren. In diesem Jahr wurde – wie ein Jahr zuvor an den berüh1254mten Krka-Wasserfällen – ein Klassik-Orchester mit kroatischen Musikern unter der Leitung von Damir Marušic auf dem „Pueblo-Plateau“ am Zrmanja-Fluss aufgebaut. Nicht nur spielte es mitten in der Natur die Winnetou-Melodie. Auch die Sängerin Christine Nachbauer bewegte mit ihrem Gesang die Gemüter der Anwesenden, besonders von Hella Brice. „Es ehrt auch mich“, so Nachbauer. „Sicher stand noch nie ein Sänger auf so einer Bühne. Derartiges bewirken nur Menschen, die Träume haben, vor allem aber auch die Kraft, sie umzusetzen. Dazu gehört eine große innere Liebe.“ Damit meinte sie Ullis aufopferungsbereite Leidenschaft. Ihm widmete sie den ersten Song. Es war ergreifend, mit welch voller Stimme und zugleich sinnlichen Eindringlichkeit Nachbauer die Gefühle dieser Stunde in die Weite hinaus sang. Mit dem Piaf-Stück „La Vie En Rose“ entlockte sie der sichtlich gerührten Hella Brice die Bemerkung: „Das hat Pierre immer gesungen“. Für eine wundervolle Illumination des Canyons sorgte das Orga-Team – neben Ulli und Marc auch Simon Mittner, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Werner Brauchart, helfende Hand und Drehortspezialist – zum Abschluss des Abends, an dem Nachbauer vielen aus der Seele sprach: „Der liebe Gott hat Pierre so gemalt wie er war, und wir hätten keinen Pinselstrich an ihm verändert.“ Ein sehr würdevoller Abend und ein geflügeltes Ende der Goldenen Jubiläumsfeste.“

Doch was hat das Jubiläums-Finale mit den Winnetou-Reisen zu tun? Die Fans wollen das Ende nicht. Zu viel hat man die Jahre zuvor erlebt, zu viel die Folgejahre vor. So hat das Orga-Team um Ulli bisher für jede Menge Action, unvergessliche Erlebnisse und Bilder gesorgt. Marc, Simon und Werner, allesamt kernige Typen, versuchten in jeder Minute – ob in größter Hitze oder in stressigsten Situationen – die Wünsche der Fans zu erfüllen. Man hat sich angefreundet, Emotionen geteilt.

Für eingeweihte nur ein paar Beispiele dafür, was diese Gruppe von Träumern in den wilden Weiten Kroatiens erlebte: 2016 kam Uschi Glas alias das Halbblut Apanatschi und sprengte einen Berg mit Goldnuggets, ihr kleiner Bruder Happy, Marinco Cosic, wurde ausfindig gemacht, eingeladen und das Wiedersehen beider Filmgeschwister rückte ein vergangenes Film-Bild plötzlich in greifbare Gegenwart.

2017 gab 1849es mit Marie Versini Szenennachspiele an Originaldrehorten. Für viele war es unfassbar, die Liebe und den Traum ihrer Jugend auf dem gleichen Fleck filmreif sterben zu sehen, sie gar lebend bei einem Glas Wein zu treffen. Ein Konzert an den Krka-Wasserfällen brachte die Winnetou-Meldodie mitten hinein in die Filmszenerie und sorgte für Tränen und Gänsehaut. Selbst Martin Böttcher, der Komponist der Filmmusik, der ursprünglich selbst vor Ort sein wollte, war gerührt.

In diesem Jahr stand Sioux-Häuptling Roter Büffel, Voyo Goric, auf dem Programm. Der Film-Gast reiste extra aus Los Angeles an und nahm eine Woche lang an den absurdesten Spektakeln teil. Die Liste der Original-Schauspieler, Kameraleute oder Kaskadeure, die man nicht nur zu Kurzbesuchen, sondern zur tagelangen Begleitung animierte, ist enorm ebenso wie der Film-Orte, die man gemeinsam fand. Hinzu kommt die Initiative der Teilnehmer. Sie besitzen nachgeschneiderte Film-Kostüme: Helmut Steinacher jenes von Old Shatterhand, Ulli das Winnetou-Outfit sowie Iltschis Ausrüstung vom Zaumzeug bis zur Decke und rund um Filmwaffen wie Messer, Silberbüchse und Henrystutzen hat sich eine eigene Fangemeinde gruppiert. Tauchen diese Verwandlungskünstler dann unverhofft an atemberaubenden Filmorten auf, werden Träume wahr.

Was die Gruppe aber über die Jahre vor allem zusammenhält ist nicht allein ihre „Winnetou-Träumerei“. Es ist die Gemeinschaft, die mehr und mehr gewachsen ist und einen Stamm „verrückter Blutsbrüder und –schwestern“ zusammengeschweißt hat, den niemand mehr missen will. Da findet man sich zusammen in geselliger Runde wie jüngst an der Wassermühle im Krka-Nationalpark und es erklingt spontan per Mundharmonika die Winnetou-Melodie. Momente fern der Zeit. Es ist dieser Mix aus Real und Irreal, der eine neue Geschichte schreibt, mit neuen Akteuren, neuen Schauplätzen und irgendwie einer neuen, unersättlichen Crew.

Kein Wunder also, dass diese Stammeszusammenkünfte bestehen bleiben sollen. Nach dem Motto “das nicht sein kann, was nicht sein darf“ stehen die nächsten Jubiläen längst an: 2019 sind der 100-jährige und der 90-jährige Geburtstag von Lex und Pierre. 2020 und 2021 wird sich schon etwas finden und 2022 feiern die Feste 10-jähriges Bestehen. So lange sich also das Türkis die Flussläufe entlangschlängelt und die weißen Gipfel die Himmel bezirzen, werden sie da sein, die Fans und andächtig staunen. So wie es Pierre tat, auf seiner letzten Kroatienreise 2012 angesichts der unfassbaren Natur: „Eine Sinfonie der Natur, von Gott geschaffen“. Nicht im Traum. Nein, ganz wahr.