Wolf Wondratschek liest in Celler Galerie im Haesler Haus

In den Siebzigern machte sich Wolf Wondratschek einen Name als bekannter deutscher Lyriker. Der in Thüringen geborene Autor gilt als Vertreter der modernen Klassik. Am Sonntag war er zu Gast in der Galerie im Haesler-Haus. Die Zuhörer durften sich von der “zwanghaften Leichtigkeit” seiner Sprache überzeugen.

Von Aneka Schult

CELLE. Er zog die Pistole, hielt sie aufs Publikum. Nein, keine echte. “Nur eine Soft Air Gun”, beruhigte Uwe Winnacker, der mit dem kurzen Intermezzo in die Lesung des Autors Wolf Wondratschek einführte. Dass es am Sonntag kaum Besucher in die Galerie im Haesler Haus zog, wäre einer literarischen Ignoranz gleichgekommen, hätte es nicht die Entschuldigungen einer falschen Ankündigung und hermetischen Abriegelung des Veranstaltungsortes aufgrund des Skater-Marathons gegeben.

Ein Ereignis war es jedenfalls schon, dass Wondratschek noch vor seinem Auftritt beim Philosophischen Quartett in Wolfsburg mit Peter Sloterdijk einen Zwischenstopp in der Herzogstadt einlegte, um ein paar Werk-Impressionen zu präsentieren.

In den Siebzigern machte er sich einen Namen als einer der bekanntesten deutschen Lyriker. Seine erste eigenständige Publikation von 1969 trug den Titel “Früher begann der Tag mit einer Schusswunde” – darum das Zwischenspiel mit der Waffe, auch zu verstehen als Fingerzeig auf Wondratscheks drastische Sprache. Sie galt damals als unverblümt, obszön und direkt, sein erstes Buch als “gesellschaftlicher Antitext”, “Antiliteratur”, “Aggression gegen die allgemeine Sprachverdummung”, so Winnacker. Längst gilt der 1943 in Rudolstadt/Thüringen geborene “angry joung man”, “Rock-Poet” und “junge Wilde” als Vertreter der modernen Klassik. Die Presse feiert seinen Stil heute mit den Worten “Grazie und Eleganz”. Gefallen lässt es sich der Wahl-Wiener gern.

Der Versuch, Wondratscheks Werke unter das Motto “Kämpfe” zu subsumieren – Paar-, Kunst-, Existenzkämpfe, Boxen – mag plakativ bleiben. Reibeflächen reizen den einstigen “provokativen Grenzgänger” weiterhin, trotzdem er mit dem Erzählband “Die große Beleidigung” (2001) “seine neue Werkphase eröffnet” habe.

Stimulierend auf den Autor wirkt die Wiener Lebensart. So scheinen seine Sätze in der Tat von einer gewissen “zwanglosen Leichtigkeit” getragen, eine tiefere Wahrheit nicht entbehrend. Die Freude, die Nuancen des Daseins sprachlich zu erhaschen, eine heitere Belebung auch der ernsten Wirklichkeit konnte man als Hörer spüren. Ein Tag Mozarts mit Constanze ist eine Melange aus süßen Menschlichkeiten. Sein “Wanderer” liiert sich mit der Zeit, bündelt sein Ich auf den einen Weg. In der artifiziellen Welt von “Mozarts Friseur” (2002) entwirft Wondratschek gelassen pittoreske Charaktere und eigene Kunstbetrachtungen. “Eine Künstlergeschichte im Ambiente der Kunst”.